Gesundheitswesen und Sozialwirtschaft

Arbeitskräfte sichern durch Bildungsmaßnahmen, Innovation und bessere Arbeitsbedingungen

Fachkräftemangel im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft: Wie man die Personalkrise löst

In ganz Europa kämpfen Krankenhäuser, Pflegeheime und Kindertagesstätten damit, qualifiziertes Personal zu finden. In den meisten Fällen übersteigt die Nachfrage nach Dienstleistungen weiterhin das Arbeitskräfteangebot, wodurch Patient:innen, Familien und Fachkräfte unter zunehmendem Druck stehen. Ohne koordinierte Maßnahmen wird sich die Krise unweigerlich verschärfen angetrieben von einer alternden Bevölkerung, belastenden Arbeitsbedingungen und fehlender langfristiger Planung.

Dieser Artikel untersucht die Ursachen des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft (vom demografischen Wandel bis hin zu Integrationsbarrieren) und skizziert Lösungen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse des WifOR Institute – anhand von Beispielen aus Sachsen und Hamburg. In diese zwei Studien analysieren wir den aktuellen und den prognostizierten Personalmangel und geben konkrete Empfehlungen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Unsere Forschung zeigt, wie technologischer Fortschritt, die Förderung von Bildung und die Zusammenarbeit von Interessensgruppen dazu beitragen können, die Zukunft dieses wichtigen Sektors in Europa zu sichern. 

Fachkräftemangel im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft nimmt in Europa zu

Ein Eurofound Bericht von 2023 benennt das Gesundheitswesen und die Sozialwirtschaft als einen der EU-Sektoren, die am stärksten von anhaltendem, strukturellem Personalmangel betroffen sind.  Zu den betroffenen Berufen zählen im Gesundheitswesen insbesondere medizinisches Fachpersonal und Pflegekräfte. Im Sozialwesen betrifft dies vor allem Tätigkeiten in der Betreuung von Kindern und älteren Menschen, in der Sozialarbeit, der Beratung sowie in der Sonderpädagogik.

Zwanzig EU-Staaten meldeten 2022 und 2023 einen Ärztenotstand, während 15 Staaten einen Notstand an Pflegekräften angaben (OECD, 2024). Unterdessen prognostiziert die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass Europa bis 2030 einen Mangel von 4,1 Millionen Fachkräften im Gesundheitswesen verzeichnen wird.  

Fachkräftemangel Gesundheitswesen EU

Laut einem aktuellen Kurzbericht der EU sind die meisten Länder auch in weiteren systemrelevanten Bereichen von personellen Engpässen betroffen. Allein in Deutschland fehlen derzeit trotz sinkender Geburtenraten 72.500 Fachkräfte in der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung. Diese Stellen mit qualifizierten Mitarbeiter:innen zu besetzen, bleibt eine Herausforderung. 

Ursachen für den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft

Ein WHO-Bericht aus 2023 führt die Hauptgründe für den Rückgang von Fachkräften im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft in Europa an:

Fachkräftemangel und Demografischer Wandel
  • Überalterung: Eine zunehmende Anzahl an Fachkräften geht in Rente.
  • Auswanderung: Qualifizierte Arbeitskräfte verlassen ihre Standorte, um in anderen Ländern zu arbeiten. Staaten wie Bulgarien, Rumänien und Polen sind beispielsweise von dieser Art der Auswanderung betroffen. 
  • Schlechte Arbeitskonditionen und unausgeglichene Work-Life-Balance: Stress, Burnout oder Unzufriedenheit der Mitarbeiter:innen nehmen zu.

Der Bericht widmet sich darüber hinaus den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie, der wachsenden Kluft zwischen Angebot und Nachfrage von Dienstleistungen und den negativen Auswirkungen von fehlenden  zukunftsorientierten Prognosen und vorausschauender Planung. Diese Defizite sind in ländlichen und unter- versorgten Regionen besonders stark zu spüren.  

Fachkräftemangel: Ein Resultat des demografischen Wandels in Europa

Die Defizite im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft sind ebenfalls auf ein gesamteuropäisches Phänomen zurückzuführen: einem schrumpfenden Arbeitsmarkt infolge des demografischen Wandels. 

Während die Bevölkerung zunehmend altert und europaweit die sogenannte Boomer-Generation in Rente geht, können nicht alle frei werdenden Stellen von der Erwerbsbevölkerung nachbesetzt werden. Eine Analyse von Business Europe zeigt, dass die erwerbsfähige Bevölkerung in der EU von 269 Millionen im Jahr 2012 auf 264 Millionen im Jahr 2021 zurückgegangen ist. Im Jahr 2022 waren in der Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen insgesamt 193,5 Millionen erwerbstätig. Prognosen zufolge wird diese Gruppe weiter schrumpfen – bis 2050 wird ein zusätzlicher Rückgang um etwa 35 Millionen Menschen erwartet. 

Fachkräftemangel: Rückgang der Erwerbsbevölkerung in der EU

Diese Veränderung reduziert nicht nur die Anzahl an aktiven Steuerzahler:innen, sondern erhöht auch die Anzahl an älteren Menschen, die auf Gesundheits- und Pflegeleistungen angewiesen sind. 

  • Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, wie Gesellschaft und Arbeitsmarkt durch die zunehmende Alterung der Bevölkerung beeinflusst werden, lesen Sie unseren Artikel zum demografischen Wandel. 

Fachkräftemangel im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft: Statistiken aus Sachsen  

Auch auf lokaler Ebene lässt sich Arbeitskräftemangel erkennen und bewerten. Wie viele andere Regionen in Deutschland und Europa steht Sachsen vor den Folgen des demografischen Wandels – mit direkten Auswirkungen des Fachkräftemangels auf die Kommunen. Unsere Studie für SINN Sachsen zeigt: 

  • In den Bereichen Kinderbetreuung und frühkindliche Bildung, Sozialarbeit sowie Sonderpädagogik wird bis 2035 ein Fachkräftemangel von rund 1.000 Personen erwartet. Obwohl die Zahl der Kinder sinkt, steigt der Bedarf an qualifiziertem Personal in diesen Berufsfeldern weiter an.
  • In der Altenpflege wird sich der aktuelle Personalmangel laut Prognosen in den nächsten zehn Jahren auf etwa 2.800 verdoppeln. Der demografische Wandel führt dazu, dass der Bedarf an Dienstleistungen rasant zunimmt, während die psychische und physische Belastung in diesen Berufen die Anwerbung und Bindung von Personal erschwert.
  • Der Gesundheits- und Pflegebereich erfährt bereits jetzt mit einer Prognose von beinahe 5.900 unbesetzten Stellen im Jahr 2035 die größten Personalengpässe. Der wachsende Anteil der alten Bevölkerung treibt die Nachfrage nach medizinischer und pflegerischer Versorgung immer weiter an. 

Bestandsaufnahme des Fachkräfteangebots und -bedarfs in der Sozialwirtschaft im Freistaat Sachsen Herunterladen

Lösungsansätze zur Bewältigung des Fachkräftemangels im  Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft 

Um bestehende Versorgungslücken zu schließen, bietet unsere Untersuchung in Sachsen praxisnahe Handlungsempfehlungen, die auch auf andere Regionen übertragbar sind: 

Bewältigung des Arbeitskräftemangels
  • Vermeidung von De-Professionalisierung: Zur Sicherung hoher Qualitätsstandards in der Versorgung ist es entscheidend, dass qualifizierte Tätigkeiten nicht durch geringqualifizierte ersetzt werden. Modulare Ausbildungsmöglichkeiten, Angebote zur Weiterbildung sowie erleichterte Möglichkeiten für einen Quereinstieg können dazu beitragen, das erforderliche Qualitätsniveau zu gewährleisten. 
  • Stärkung der finanziellen Basis: Einrichtungen benötigen stabile und verlässliche Finanzierungsstrukturen, um Mitarbeitende zu halten und zukunftsorientiert investieren zu können. Um im Falle gemeinnütziger Organisationen die langfristige Nachhaltigkeit zu stärken, müssen ihre Abhängigkeit von kurzfristigen Projektmitteln und die gesetzlichen Hürden beim Bilden von Rücklagen reduziert werden. 
  • Bürokratieabbau und Digitalisierung: Komplexe Verwaltungsprozesse und langwierige Genehmigungs- verfahren binden wertvolle Fachkräftekapazitäten. Durch die Vereinfachung administrativer Abläufe, den gezielten Einsatz digitaler Werkzeuge und die Beschleunigung von Anerkennungsverfahren kann Personal effizienter für die Kernaufgaben eingesetzt werden. 
  • Einsatz innovativer Modelle: Die Förderung präventiver Ansätze, selbst organisierter Teams sowie die Verknüpfung professioneller Pflege mit ehrenamtlichem Engagement und sozialer Innovation können zur Stabilisierung der Systeme beitragen. 
  • Förderung von Bildungsmaßnahmen: Bildungsangebote müssen stärker auf demografische Entwicklungen  und bestehende Qualifikationsdefizite reagieren.  Mentoring-Programme, digitale Lernformate und sprachliche Unterstützung für internationale Fachkräfte sind zentrale Instrumente, um den Fachkräftenachwuchs zu sichern und Ausbildungsabbrüche zu reduzieren. 
  • Steigerung regionaler Attraktivität: Eine ausgeprägte Willkommenskultur, bezahlbarer Wohnraum und ein  besseres gesellschaftliches Ansehen der Gesundheits- und Sozialberufe sind Schlüsselfaktoren, um die Einwanderung von Fachkräften zu fördern und Abwanderung zu verringern. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen Aufklärungskampagnen, Umzugshilfe und die Zusammenarbeit mit kommunalen Behörden. 
  • Verbesserung des Arbeits- und Betriebsklimas: Ein wertschätzender Führungsstil, gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sind für viele Beschäftigte wichtiger als eine rein monetäre Vergütung. Zu den Faktoren, die die Mitarbeiterbindung fördern, gehören eine positive Work-Life- Balance (die die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter unterstützt) und schnellere Bewerbungs-prozesse. 
  • Förderung von Organisation und Innovation: Einrichtungen im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft müssen dabei unterstützt werden, durch gezielte Finanzhilfe und flexiblere Strukturen Modernisierungs- und Innovationsmaßnahmen vorzunehmen. 

Internationale Fachkräfte als Schlüssel zur Schließung von Personal- lücken im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft  

Internationale Fachkräfte stellen eine zentrale Stütze des Gesundheits- und Sozialwesens in Europa und insbesondere in Deutschland dar. Dennoch erschweren Integrationshürden und unzureichende Digitalisierungsprozesse häufig ihre beruflichen Perspektiven und den Alltag. 

Der Fall des Gesundheitswesens in Hamburg

Eine interdisziplinäre Studie von WifOR zum Gesundheitssektor in Hamburg beleuchtet diese Thematik eingehend. In der zweitgrößten Stadt Deutschlands wird erwartet, dass der Mangel an qualifizierten Fachkräften weiter zunimmt. Prognosen zufolge könnte bis zum Jahr 2040 jede achte Stelle unbesetzt bleiben. Besonders deutlich zeigt sich der Trend im ärztlichen Bereich: Ohne internationale Fachkräfte würde sich der Engpass innerhalb der nächsten 15 Jahre nahezu vervierfachen.  

Gesundheitswesen

Vor diesem Hintergrund zeigt die Studie konkrete Handlungsoptionen auf, um diesen negativen Entwicklungen entgegenzuwirken – mit besonderem Fokus auf die dringend benötigten internationalen Fachkräfte.  

  • Integration gezielt fördern: Sprachförderung, zentrale Unterstützung bei administrativen Prozessen wie  Visaverfahren sowie eine von Respekt und fachlicher Anerkennung geprägte Unternehmenskultur sind  wesentliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration internationaler Fachkräfte. Diese Bemühungen sollten in eine übergeordnete gesellschaftliche Willkommenskultur eingebettet sein.  
  • Digitalisierung vorantreiben: Benutzerfreundliche digitale Anwendungen und vereinfachte Prozesse können bürokratische Belastungen verringern und wertvolle Zeit für die eigentliche Versorgung freisetzen. Der Erfolg solcher Maßnahmen hängt jedoch maßgeblich von ihrer praktischen Umsetzbarkeit und der Anpassung an reale Arbeitsabläufe ab.
  • Arbeitsbedingungen verbessern: Flexible Personalmodelle, eine bessere Work-Life-Balance sowie verlässliche Mobilitätsangebote – insbesondere für Früh- und Spätschichten – können die Zufriedenheit und Gesundheit der Beschäftigten stärken. Gleichzeitig erhöhen solche Maßnahmen die Bereitschaft, Arbeitszeiten auszuweiten und damit bestehende Kapazitäten besser zu nutzen.

Lesen Sie unsere vollständige Studie, die von der Sozialbehörde Hamburg in Auftrag gegeben wurde. 

Die Bedeutung von Gesundheits- und Sozialberufen  

Krankenpfleger:innen, Betreuer:innen und Ärzt:innen sowie viele weitere Fachkräfte leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Stärkung ihrer Gemeinschaft, indem sie zentrale Dienstleistungen für Entwicklung, Gesundheit und Wohlbefinden erbringen. Sie fördern die Gesundheit und Selbstständigkeit von Individuen, unterstützen vulnerable Bevölkerungsgruppen, schützen vor Krankheiten und begleiten Kinder in entscheidenden Entwicklungsphasen.

Eine stabile und widerstandsfähige Gesellschaft wäre ohne ihre Arbeit nicht denkbar – dennoch wird ihre Leistung für die Gesellschaft häufig unterschätzt. Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft ist daher nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein entscheidender Schritt zum Aufbau belastbarer und zukunftsfähiger Versorgungssysteme.

Gesundheit als Produktivitätsfaktor im Kampf gegen Fachkräftemangel 

Gesunde Beschäftigte sind leistungsfähiger und können so einen Teil der negativen Folgen des Arbeitskräftemangels abfedern. Wer gesund bleibt, fällt seltener krankheitsbedingt aus, bleibt länger erwerbstätig und kann sich besser an veränderte Arbeitsbedingungen anpassen.

Die positiven Effekte von Gesundheit reichen jedoch weit über die Erwerbsarbeit hinaus. Viele Pflege- und Betreuungsaufgaben – etwa die Versorgung älterer oder kranker Angehöriger – werden unbezahlt und damit häufig unsichtbar erbracht. Diese unbezahlte Arbeit, die überwiegend von Frauen erbracht wird, ließe sich durch bessere Gesundheits- und Versorgungsstrukturen deutlich erleichtern. Gleichzeitig würde ein verbesserter Zugang zu solchen Leistungen Frauen eine aktivere Teilnahme am Erwerbsleben ermöglichen.

Fazit: Fachkräftemangel im Gesundheitswesen und in der Sozial- wirtschaft erfordert gemeinsames Handeln

Die Bewältigung des Arbeitskräftemangels im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft erfordert koordinierte Maßnahmen auf allen Ebenen der Politik, Bildung und Praxis. Die Zukunft der Versorgungssysteme in der EU hängt maßgeblich davon ab, inwieweit Regierungen, Institutionen und Arbeitgeber:innen ihre Strategien aufeinander abstimmen, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten, Aus- und Weiterbildung zu stärken, Arbeitsbedingungen zu verbessern und Innovation gezielt zu nutzen.   

WifOR Institute leistet einen Beitrag zur Lösung dieser Herausforderungen, indem es die wissenschaftliche Grundlage für wirksames Handeln bereitstellt. Durch Studien und Datentools identifiziert WifOR den Bedarf an Fachkräften, quantifiziert bestehende Engpässe und entwickelt Handlungsempfehlungen zur Unterstützung politischer Reformen. Durch die enge Verknüpfung von Forschung und Praxis unterstützt unser Institut politische Entscheidungsträger:innen und Organisationen dabei, die Zukunft von Gesundheits- und Sozialversorgung zu sichern – ein zentraler Schritt hin zu einem stärkeren, gerechteren und wohlhabenderen Europa.